Wir essen und trinken jeden Tag – Ernährung geht uns alle an. Mit einem Ernährungshof zu starten erscheint uns deshalb besonders naheliegend. Im Tempelhofer Flughafen gibt es fünf Küchen und daneben Kantinenräume. Daran schließen sich ein Saal und eine große Kapelle an.

Die von der US-Verwaltung errichtete Kapelle Foto: Rolf Schulten

Insgesamt ist die Etage im Bauteil K2 etwa 1000 Quadratmeter groß und hat Zugang zu einem grünen Innenhof.

Wir arbeiten eng mit dem Berliner Ernährungsrat zusammen, der ein Grundsatzpapier zur Ernährungswende erarbeitet hat. Wir möchten, dass hier ein LebensMittelPunkt entsteht – ein Ort, an dem Lebensmittel gehandelt, gelagert, verarbeitet und gegessen werden, wo Kinder kochen lernen und rausfinden, wie Tomaten und Kohlköpfe wachsen. Hier sollen Kleingärtner ihren Saft pressen und Foodsaver einen Fairteiler aufstellen können, Nachbarn zusammen backen, kochen und feiern, Profis und Laien aufeinandertreffen und alle zusammen lustvoll an der Ernährungswende mitwirken.

Uns erschien der Standort auch ideal für das vom Senat geplante „House of Food“ (HoF) nach Kopenhagener Vorbild, das einen Platzbedarf von etwa 250 Quadratmetern hat und das Ziel verfolgt, die Kantinen in Berlin weitgehend auf bio-regionale Lebensmittel umzustellen. Der Ernährungsrat hatte dafür plädiert, das HoF gemeinwirtschaftlich zu organisieren und in Tempelhof anzusiedeln – doch daraus wird wohl leider erst einmal nichts. Der Senat hat sich entschieden, das Projekt privat- und nicht gemeinwirtschaftlich anzugehen.

Am 17. Dezember 2018 hatten wir etwa 25 Expert*innen eingeladen, um Ideen zu sammeln, wie im Tempelhofer Flughafen zunächst ein LebensMittelPunkt und schließlich ein Ernährungscampus entstehen könnte, wo – und was alles dazugehört. Das Spektrum der Teilnehmenden reichte von Catering-Unternehmer*innen, Architekt*innen und Aktivist*innen bis hin zu Wissenschaftler*innen, Köch*innen und einer Fachfrau aus der Senatsverwaltung. In dem ganztägigen Workshop wurde ein Grobkonzept erarbeitet, wie die Räume zu nutzen und möglichst viele Menschen zu beteiligen sind. Hier könnt Ihr die Workshopergebnisse nachlesen.

Tomma Hinrichsen

Gefördert wurde die Veranstaltung von der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung. Dort ist Staatssekretärin Margit Gottstein zuständig für das Thema Ernährung. Wir haben eine Broschüre erstellt, die unsere Idee möglichst vielen schmackhaft machen soll. Darauf aufbauend fand im August 2019 ein offener Workshop mit 45 Interessierten statt, die an der Umsetzung mitwirken möchten.

Sowohl thf.vision als auch der Berliner Ernährungsrat sind Praxispartner in einem EU-Forschungsprojekt unter der Leitung der Kopenhagener Universität, das im Januar 2020 gestartet ist. Die Zivilgesellschaft sitzt in den Startlöchern.

Doch nachdem die Tempelhof Projekt GmbH im Herbst 2018 Rückenwind signalisiert hatte, ruderte sie immer weiter zurück. Im März 2019 war von 2,5 bis 3 Jahren Sanierungszeit die Rede – vorausgesetzt, die Politik stimme einem Ernährungscampus zu und stelle das Geld für die Sanierung bereit. Dann aber entdeckte die Tempelhof Prokjekt Gmbh plötzlich durch ein neues Gutachten, dass der Zustand des gesamten Gebäudes extrem schlecht sei. Nun will sie erst einmal 5 bis 15 Jahre lang alleine sanieren – Vorrang sollen die bereits vermieten Flächen insbesondere die Büros der Polizei haben. Experimentelle Nutzung sei gar nicht mehr möglich, heißt es. Einzige Ausnahme ist das Citylab in H2rund – betrieben von der Technologiestiftung, hinter der Großkonzerne wie Siemens, Bayer, Deutsche Bank und PricewaterhouseCoopers stehen.

Zwar hat die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung inzwischen den Bedarf für einen Ernährungscampus offiziell angemeldet. Doch das reicht an politischem Rückenwind leider nicht aus.

Aber: Wir geben nicht auf 🙂

Zusammen mit dem Berliner Ernährungsrat arbeiten wir weiter am Konzept für den Ernährungscampus und haben dafür auch schon Workshops zum Organisationsaufbau veranstaltet. Außerdem will der Ernährungsrat dafür sorgen, dass dezentral in der Stadt LebensMittelPunkte entstehen.

Vielleicht muss der Ernährungscampus erst einmal „im Exil“ aufgebaut werden und vielleicht sogar dezentral in der Stadt entstehen. Das Thema ist viel zu wichtig und zu drängend, als dass wir auf eine Verwaltung warten können, die 5 bis 15 Jahre lang allein vor sich hinwerkeln will.

Kontakt: annette.Jensen@thf.vision